Literaturkombinat Dortmund
    Literatur mit dem Leben kombinieren

 

1. Kapitel

 

Paul Groddeck hatte lernen müssen, daß eine Straßenbreite den Unterschied zwischen Glück und Unglück ausmachen konnte. Und durch eben dieses Maß war er von seinem Glück getrennt.

Mit jenem Gefühl unterschwelliger Unzufriedenheit, das er im letzten halben Jahr als seine Grundstimmung kennengelernt hatte, schob er das Rollo an seinem Kiosk hoch, nahm den Stapel Zeitungen mit hinein, den der Zeitungsjunge ihm jeden Morgen vom Wagen aus vor die Türe warf, und machte alles für den morgendlichen Betrieb bereit. In der Hauptsache bestand seine Arbeit darin, sich aus dem schmalen Fenster nach draußen zu lehnen, ab und an hinter sich zu greifen, um Zigaretten, Zeitungen oder einen Flachmann nach vorne zu holen und einem Kunden zu geben. Zählte er das jeweils kurze "Hallo" und "Was darf's denn sein" als Verkaufsgespräch dazu, dann hatte er täglich etwa für eine halbe Stunde, an guten Tagen eine Dreiviertel Stunde, zu tun.

Mit verschränkten Armen lehnte er sich jetzt aus dem Verkaufsfenster und schnupperte das erste Diesel aus der Luft. Er mochte diesen Geruch. Auf der anderen Straßenseite war eine Tankstelle und daran anschließend das Kneipenviertel der Stadt mit seinen Kaufhäusern, Boutiquen, Bistros, Pizzerien, Dönerbuden und dem ganzen Trubel einer Großstadt der das eine, ganz große Ding zum Fließen brachte.

Geld.

Es war 7.30 Uhr und kalt. Trotzdem würde er das Fenster den ganzen Tag nicht schließen und, Schultern und Kopf aus dem engen Loch gedrängt, auf Kunden warten und sich von Zeit zu Zeit aus seinem unerschöpflichen Vorrat an Schnaps selber bedienen.

Auch wenn die Stadt voll von Leuten war, verirrte sich kaum einmal jemand auf die Seite der Straße, auf der sein Kiosk lag. Sein Kiosk befand sich auf der falschen Straßenseite. Damit war die ganze Misere auch schon beschrieben. Er hatte sich übers Ohr hauen lassen. An dem Tage an dem er mit dem Vorbesitzer das Terrain besichtigt hatte, einem Freitag, hatte er sich von der günstigen Lage blenden lassen. Die Straßen waren voll von Menschen gewesen und vor dem Kiosk drängte sich die Kundschaft. Wie er später von einem Freund erfuhr, hatte der Schuft der ihm den Laden angedreht hatte, seine ganze Verwandtschaft dazu gebracht, in Abständen von einigen Minuten vorbei zu kommen und den halben Laden aufzukaufen. Der wunderbare Kundenstrom war so plötzlich verschwunden wie dieser windige Betrüger mit seinem Geld und er war allein zurückgeblieben mit seinem Traum vom bequemen Leben und einer gefüllten Brieftasche.

Aber immerhin konnte er von hier aus alles sehen. Wie Rechtsanwälte, Ärzte, Arzthelferinnen, Mütter und Hausfrauen aus den Türen kamen, um die Geschäfte auf der gegenüberliegenden Straßenseite aufzusuchen. Und abends, wie sie in Bistros und Kneipen noch einen Feierabend-Cappuchino nahmen. Und wie die ersten Nachtschwärmer kamen, mit ihren Cabrios die Straßen voll stellten, Arme um wohlgeformte Hüften legten und sich lachend in warm beleuchtete Eingänge schoben um den Abend mit Prosseco, Shrimps und Small-Talk zu verbringen. Das waren die Gezeiten des ewigen, unaufhaltsam an- und abschwellenden Flusses der ökonomischen Tauschbeziehungen, das war der Strom des Lebens von dem er vollkommen abgeschnitten war.

Übers Ohr gehauen wie einen Schuljungen. Und das ihm, der selber jahrelang über die Dörfer gezogen war und den Leuten den einen oder anderen Tausender aus den Rippen geleiert hatte, mit verschiedenen Maschen. Er dankte Gott dafür, daß er ihm zu seinem Geschäftssinn ein so ehrliches Gesicht mitgegeben hatte. Dieses Gesicht hatte ihm schon so manches Schaf in die Koppel gelockt und dann hatte es 'Schnapp' gemacht und die Falle war zu.

Am besten war damals dieses Ding als Vertreter für Pornografie und Sado-Maso-Wäsche gelaufen. Er hatte sich die Todesanzeigen in den Zeitungen durchgelesen und sich solche raus gesucht, die den Tod von irgendwelchen alten Säcken verkündeten. Dann war er bei den trauernden Witwen vorbei gerauscht und hatte ihnen gefälschte Bestellungen ihrer verflossenen Ehemänner präsentiert. Spätestens, wenn er seine japanischen Liebeskugeln auspackte und den alten Damen ihren Zweck und Gebrauch erklärte, zahlten sie alle. Und sie zahlten gut, denn billig war so ein Zeug nicht. Nebenbei hatte er ein wenig mit Haschisch und Koks gedealt, aber die Geschäfte waren nicht so gut gelaufen. Er war zu viel unterwegs gewesen als daß er sich richtige Strukturen hätte aufbauen können. Aber was ihn letztlich den Kopf gekostet hatte, war der ständig steigende Eigenkonsum gewesen. Wenn der Wirt sein bester Kunde war, dann gingen die Geschäfte schlecht. Und dann hatten sie ihn erwischt. Zum Glück nicht mehr als ein paar Gramm. Aber nicht das erste Mal. Noch so ein Ding, und er würde in den Bau einfahren bis zum Jüngsten Gericht. Also war er auf die Idee mit dem Kiosk gekommen. Er war nicht scharf auf Arbeit, aber noch weniger auf Knast. Ein wenig Legalität würde ihm genug Zeit geben, sich nach etwas Neuem umzusehen.

Scheiße. Hatte er sich so gedacht.

Im Laufe des letzten halben Jahres hatte er es lediglich geschafft, ein halbes Dutzend Arbeitsloser aus den Grünanlagen der Umgebung dazu zu bewegen, sich ihre tägliche Ration Alkohol nicht mehr an der Tankstelle, sondern bei ihm zu besorgen. Allesamt keine üblen Kerle, einfach nur Leute, die Pech gehabt hatten und für die, fast so wie für ihn, die Straße eine Art Grenze darstellte, ein Graben, der sich durch ihr Leben zog und sie von dem Leben auf der anderen Seite trennte. Bei ihm durften sie stehen bleiben und sich das Zeug sofort wegziehen, an der Tankstelle durften sie das nicht. Da hieß es: Geld abgegeben und weg. Dagegen war er geradezu eine Sozialstation und manchmal gab er sogar einem von den Burschen einen kleinen Kredit.

Nur ein paar Euro, aber für so einen Kerl die Rettung vor den Fängen der Heilsarmee oder sonst einer Versammlung von verblendeten Idioten die ständig auf der Suche nach gefallenen Sündern waren.

Und seit etwa drei Wochen hatte sich ein unauffällig gekleideter Mann, ein Angestellter wie er annahm, zu seinen Stammkunden gesellt. Jeden morgen pünktlich um 8.20 Uhr kam er und holte sich eine Zeitung und einen Schokoriegel. Ein Langweiler und Spießer der ihm nichts als ein paar Cent mehr einbrachte.

Ein Schnösel.

Er sah auf die Uhr: 8.17 Uhr.

Noch drei Minuten, dann würde der Schnösel um die Ecke kommen, sich seine Sachen holen, die Straße überqueren und in irgendeinem der Bürohäuser verschwinden.

Er fragte sich, warum der Mann sich seine Zeitung und seinen Schokoriegel wohl nicht an der Tankstelle gegenüber besorgte, die hatten alles genau so gut wie er, einiges wahrscheinlich billiger. Außer Schnaps. Aber Schnaps kaufte der Typ ja auch nie. Vielleicht hatte er Hausverbot erhalten, oder sonst irgendeinen Grund, die Tankstelle zu meiden. Ganz gleich, es interessierte ihn nicht. Jeden Tag etwas mehr in der Kasse. Keine Sensation, nichts was seine Isolation von den Geldströmen dieser Stadt verringert hätte. Eher ein Grund mehr, aufzugeben und den ganzen Schrott mit Verlust zu verkaufen und kleine Zettel mit Nummern darauf in der Warteschlange beim Arbeitsamt zu ziehen. Mehr nicht. Aber noch war er nicht so weit. Noch nicht. Er war freier Unternehmer, immerhin. Durchhalten und sehen, das was hängenblieb. Das war alles, was er tun konnte.

08.19 Uhr

Er drehte sich um und griff nach der Tageszeitung um sie zurechtzulegen und fragte sich, welchen Schokoriegel er wohl heute nehmen würde. Er tippte auf einen mit Müsli drin. Es war Freitag und Freitags schauten die Leute aufs Wochenende und auf die Waage. Freitags wurden sie nervös. Das Karussell der Liebe drehte sich und wer aufspringen wollte, durfte sich nicht durch überflüssige Fette selbst behindern.

Idioten allesamt.